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Stuttgarter Nachrichten

 

 

 

Sa. 25. Juni 1994

 

In der nächsten Woche beginnen in Ludwigsburg die Bauarbeiten

Das Schloßtheater wird für zwölf Millionen Mark restauriert

Bald wieder voll funktionstüchtige Bühnenmaschinerie aus der Barockzeit - Zur Saison 1998 ziehen die Festspiele wieder in Hoftheater ein
 

LUDWIGSBURG. Seit 1988 schmiedet das Staatliche Hochbauamt Pläne für die Restaurierung des Ludwigs- burger Schloßtheaters. Am kommenden Montag sollen endlich die ersten Hand- werker anrücken, um an der Fassade und im Dachbereich mit den Arbeiten zu beginnen. Das hat der Leiter des Staatlichen Hochbauamtes Ludwigsbürg, Albert Köhler, am Freitag auf einer Pressekonferenz an- gekündigt. Der Ministerrat hat zu Beginn dieses Jahres 12,5 Millionen Mark für die Restaurierungs- und Umbauarbeiten beeilligt.

 

schlosstheaten

Zum Saisonauftakt 1998 können die Ludwigsburger  Festspiele das kleine Theaterhaus wieder bespielen - wobei die modernen Regisseure bei ihrer Arbeit aber mehr als bisher Rücksicht nehmen müssen auf die historische Substanz der rund 230 Jahre alten Spielstätte, die Fachleute europaweit als „bedeutendes Dokument der Theater- geschichte" einstufen.

Im Spannungsfeld zwischen denkmalpflegerischen Argu- menten und den Forderungen des modernen Regietheaters hat es zeitweise heftige Auseindersetzungen um die Restaurierung des Theater- hauses gegeben. Inzwischen wurde ein Kompromiß ge- funden, mit dem Denkmal- pfleger leben und auf dessen Basis Theaterleute spielen können! Nach Angaben von Dr. Hans-Joachim Schulderer, der als Baudirektor im Staatlichen Hochbauamt für Pflege und Restaurierung der Ludwigsburger Schloßanlage verantwortlich ist, sichern die jetzt beginnenden Rest- aurierungs- und Instandset- zungsarbeiten ohne Abstriche den wertvollen baulichen und technischen Bestand des Hoftheaters, ermöglichen aber auch modernes Theaterspiel.
theaterkulisse

 

Das Theater beherbergt eine der ältesten funktionsfähigen Bühnen- maschinerien Europas. Hölzer- ne Kulissengatter, Wagen und Lichtständer, die mit Muskelkraft angetriebene Untermaschinerie und die in ihrer Arbeitsweise erst in jüngster Zeit wiederentdeckte Obermaschinerie werden wieder voll funktionstüchtig aufgebaut. Künftig ist es möglich, mit der 1758 eingebauten Bühnen- tech-nik wieder Theater zu spielen.

Scholderer wünscht sich, daß sich Regisseure finden lassen, die die Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert wieder mit der alten Technik auf die Bühne bringen. Unabhängig davon, ob sich sein Wunsch erfüllt, wird man in den Wintermonaten Teile der his- torischen, für 1,5 Millionen Mark restaurierten Kulissen und Prospekte auf- bauen und bei Sonderführungen die originale Verwandlungs- technik in Betrieb setzen.

Nach Abschluß der Restau- rierung dürfen Theaterleute nur. mit ausdrücklicher Geneh- migung der Denkmalpflege Teile der barocken Kulissengassen für moderne Aufführungen abbauen. Sie müssen hinterher wieder fachgerecht installiert werden. Die Zeiten, in denen die Regisseure ohne besondere Rücksicht auf die alte Bühnentechnik schalten und walten konnten und dabei viel von der wertvollen Substanz vernichtet haben, sollen nicht wiederkehren. Um das Barock- theater aber nicht ganz zum Theater-Museum abzustufen, gibt es einige Zugeständnisse an den modernen Spielbetrieb: Zusätzliche Züge für die Bühnentechnik, ein Orchester- raum, der 40 Musikern Platz bietet, und moderne Bühnen- beleuchtung – allerdings ohne wattstrotzende Lichtorgien, bei denen es in früheren Zeiten so warm geworden ist, daß die Farbe auf 300 Jahre alten Eichen- balken gescholzen ist.

 

Zum Restaurierungspro- gramm gehören auch Konser- vierungs- und Erneuerungs-- arbeiten im Zuschauerraum, der um 1812 im Geschmack der Zeit klassizistisch umge- staltet wurde. An dieser bis heute sichtbaren Ausstat-  tung orientieren sich die jetzt eingeleiteten Arbeiten.

Ein Grund dafür, daß das Schloßtheater vor zwei Jahren geschlossen werden mußte, lag in der Tatsache, daß die Brandschutz- bestimmungen nicht mehr eingehalten werden konnten. Aus Sicherheitsgründen wird jetzt die Bestuhlung von 350 Plätze zurückgenommen; eine außen angebrachte mobile Fluchttreppe er- schließt künftig alle Ränge des Zuschauerraums; außer- dem wird zwischen Bühne und Parkett für Notfälle eine sogenannte Rauchabgren- zung installiert, die aus einem nicht brennbaren und zusätzlich mit einem Wasserschleier befeuchteten Glasfaservorhang besteht.

Der jahrzehntelang als. Archiv zweckentfremdete Bühnenraumanbau wird eben falls reaktiviert. In ihm wird das Magazin für den umfangreichen Fundus an historischer Bühnendek- oration eingerichtet. Trotz Geldmangels hat die Landesregierung für die langfristige Sicherung dieses theater- und kunsthistorisch wertvollen Bestandes zu- sätzliche Mittel bewilligt. Deswegen, und wegen zusätzlicher Arbeiten an der Fassade und am Dach des Theaterbaus erhöht sich die ursprünglich mit gut acht Millionen Mark kalkulierte Bau summe auf 12,5 Millionen Mark.   Orn

Fotos: Weise